Wirtschaft

Warum die deutsche Industrie ihre Lieferketten neu ordnet

Nach Jahren der Unterbrechungen setzen deutsche Industrieunternehmen zunehmend auf mehrere Bezugsquellen statt auf einzelne Kernlieferanten.

Warum die deutsche Industrie ihre Lieferketten neu ordnet

Deutsche Unternehmen diversifizieren ihre Lieferketten, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Versorgungssicherheit zu erhöhen.

Deutsche Industrieunternehmen wollen ihre Lieferketten diversifizieren – das ist seit einigen Jahren erklärtes Ziel, weg von einzelnen Kernlieferanten hin zu mehreren Bezugsquellen und weniger Abhängigkeit von China. Die Handelszahlen für das erste Halbjahr 2026 zeigen jedoch ein widersprüchliches Bild: Der deutsche Importüberschuss gegenüber China wuchs im gleichen Zeitraum weiter.

Dieser Beitrag ordnet ein, warum Unternehmen ihre Lieferketten überhaupt umbauen, wie abhängig die deutsche Industrie von China tatsächlich ist, wie sich die Materialversorgung 2026 entwickelt und welche Strategien Unternehmen und Politik verfolgen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Deutschlands Importüberschuss gegenüber China stieg im ersten Halbjahr 2026 auf 52,7 Milliarden Euro, nach 40,5 Milliarden im Vorjahreszeitraum.
  • Laut IW Köln fürchten sechs von zehn Unternehmen mit kritischen Rohstoffbezug aus China Produktionsstopps bei verschärften Exportbeschränkungen.
  • Die Materialengpässe in der Industrie insgesamt gingen laut ifo Institut im Juli 2026 auf 13,7 Prozent der Unternehmen zurück – die Elektronikbranche bleibt mit 30,3 Prozent aber deutlich angespannter.
  • Nach einer Erhebung von ifo und EconPol Europe hatten bereits 58 Prozent der befragten Unternehmen ihre Lieferketten verbreitert und neue Lieferanten gefunden.
  • Die EU will die Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen mit dem Critical Raw Materials Act bis 2030 gezielt verringern.

Warum die Umstellung der Lieferketten überhaupt begonnen hat

Auslöser der Diversifizierungsbewegung waren mehrere Unterbrechungen in Folge: Lieferengpässe während der Corona-Pandemie 2020 und 2021, die mehrtägige Blockade des Suezkanals durch das Containerschiff „Ever Given“ im März 2021, die globale Chipknappheit in der Automobil- und Elektronikindustrie sowie die Energiepreisschocks nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 machten gemeinsam deutlich, wie verwundbar Lieferketten mit wenigen Kernlieferanten und langen Transportwegen sein können. Seither ist Resilienz für viele Beschaffungsverantwortliche ein ähnlich wichtiges Kriterium geworden wie der Einkaufspreis – auch wenn breitere Lieferantenbasen und zusätzliche Lagerbestände kurzfristig höhere Kosten verursachen.

In der betrieblichen Praxis zeigt sich diese Umstellung vor allem in drei Formen: Statt eines einzelnen Kernlieferanten für ein kritisches Bauteil planen Unternehmen bewusst mit zwei oder mehr parallelen Quellen aus unterschiedlichen Regionen – oft zusammengefasst unter dem Schlagwort „China+1“. Produktionsstandorte rücken näher an den Absatzmarkt, etwa durch Fertigung in Osteuropa statt in Ostasien. Und größere Pufferbestände bei besonders kritischen Vorprodukten sollen kurzfristige Ausfälle einzelner Lieferanten abfedern, ohne die gesamte Produktion zu gefährden.

Wie abhängig die deutsche Industrie von China tatsächlich ist

Was die Handelszahlen 2026 zeigen

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stiegen die deutschen Exporte im ersten Halbjahr 2026 um 3,9 Prozent auf 817,8 Milliarden Euro, die Importe um 4,7 Prozent auf 712,1 Milliarden Euro. China blieb mit einem Handelsvolumen von 125,5 Milliarden Euro wichtigster Handelspartner – die Struktur verschob sich jedoch weiter zulasten Deutschlands: Während die deutschen Exporte nach China um 12,2 Prozent auf 36,4 Milliarden Euro sanken, stiegen die Importe aus China um 8,8 Prozent auf 89,1 Milliarden Euro. Der deutsche Importüberschuss gegenüber China wuchs dadurch von 40,5 auf 52,7 Milliarden Euro. Die Diversifizierungsstrategie vieler Unternehmen und die tatsächliche Handelsbilanz laufen damit derzeit in unterschiedliche Richtungen.

Kritische Rohstoffe als Schwachstelle

Besonders sensibel reagiert die Industrie auf mögliche chinesische Exportbeschränkungen bei kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden, Lithium oder Gallium. Nach einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) vom Frühjahr 2026 befürchten sechs von zehn Unternehmen, die solche Rohstoffe direkt oder indirekt beziehen, Produktionsstopps oder Verzögerungen im Fall verschärfter Beschränkungen; 88 Prozent rechnen mit höheren Beschaffungskosten, 71 Prozent mit Lieferengpässen und vier von zehn mit dem Verlust von Kunden. Im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt bezieht knapp jedes fünfte Unternehmen kritische Rohstoffe direkt oder indirekt, in der Metall- und Elektroindustrie mehr als jedes vierte.

Ein verbreitetes Missverständnis: Diversifizierung heißt nicht Rückzug aus China

In der öffentlichen Debatte wird Diversifizierung mitunter mit einem vollständigen Rückzug aus China gleichgesetzt. Die Handelszahlen widersprechen diesem Bild: China bleibt mit Abstand wichtigster Handelspartner Deutschlands, und das Gesamthandelsvolumen wuchs 2026 sogar. Tatsächlich geht es den meisten Unternehmen nicht um einen kompletten Ausstieg, sondern um eine gezielte Reduzierung der Abhängigkeit bei einzelnen kritischen Vorprodukten – etwa bestimmten Rohstoffen oder Bauteilen ohne verfügbare Alternativen –, während der reguläre Handel mit China in vielen anderen Bereichen unverändert oder sogar wachsend bleibt. Diese Unterscheidung zwischen selektivem De-Risking und pauschalem Decoupling ist entscheidend für ein realistisches Bild der Lage.

Wie sich die Materialversorgung 2026 entwickelt

Die ifo Konjunkturumfrage zeigt für Juli 2026 eine leichte Entspannung: Insgesamt meldeten noch 13,7 Prozent der Industrieunternehmen Materialengpässe, nach 17,2 Prozent im Juni. Die Entwicklung verläuft jedoch je nach Branche sehr unterschiedlich.

BrancheAnteil mit Materialengpässen (Juli 2026)
Industrie gesamt13,7 %
Chemie13,8 %
Maschinenbau14,2 %
Automobilindustrie16,0 %
Elektroausrüstung25,2 %
Elektronik30,3 %

Vor allem die Chemiebranche verzeichnete eine deutliche Entlastung gegenüber vorherigen Werten, während die Elektronikbranche mit 30,3 Prozent weiterhin am stärksten betroffen bleibt – laut ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe auch wegen der globalen Nachfrage nach Halbleitern für KI-Infrastruktur. Wohlrabe warnt zudem, dass die aktuelle Entspannung angesichts geopolitischer Risiken wie einer möglichen Blockade der Straße von Hormuz nur vorläufig sein könnte.

Welche Strategien Unternehmen verfolgen

Nach einer Erhebung von ifo Institut und EconPol Europe, veröffentlicht im Februar 2024, hatten bereits 58 Prozent der befragten Industrieunternehmen ihre Lieferketten verbreitert und neue Lieferanten gefunden; ein Drittel plante zu diesem Zeitpunkt eine weitere Ausweitung der Lieferantenbasis. 44 Prozent der Unternehmen gaben an, ihre Lieferkettenüberwachung verbessert zu haben, 17 Prozent erhöhten die eigene Fertigungstiefe durch stärkere vertikale Integration. Ergänzend gewinnt die geografische Nähe von Produktionsstandorten zum Absatzmarkt an Bedeutung: Kürzere Transportwege sollen Unsicherheiten reduzieren, ohne dass Unternehmen sich deshalb pauschal aus globalen Märkten zurückziehen. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Absicht und Umsetzung: Dass ein Unternehmen neue Lieferanten identifiziert hat, bedeutet noch nicht, dass alte Lieferbeziehungen bereits in vergleichbarem Umfang ersetzt wurden – ein Prozess, der sich über mehrere Jahre erstrecken kann und je nach Bauteil und Branche unterschiedlich weit fortgeschritten ist.

Welche Rolle Politik und EU-Regulierung spielen

Auf europäischer Ebene soll der Critical Raw Materials Act (EU-Verordnung 2024/1252) die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern bei strategischen Rohstoffen verringern: Bis 2030 sollen mindestens 10 Prozent des EU-Bedarfs an wichtigen Rohstoffen innerhalb der EU gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Auf nationaler Ebene unterstützt der 2024 eingerichtete KfW-Rohstofffonds Unternehmen bei Lagerhaltung und Absicherung gegen Rohstoffrisiken durch Bürgschaften. Ob diese Instrumente ausreichen, um die aktuell wachsende Importabhängigkeit spürbar zu verringern, lässt sich anhand der bisherigen Handelszahlen noch nicht abschließend beurteilen.

Was das für mittelständische Zulieferer bedeutet

Für kleinere und mittlere Zulieferbetriebe eröffnet die Diversifizierungsstrategie großer Abnehmer Chancen, weil zusätzliche, oft europäische Bezugsquellen gesucht werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Flexibilität und Dokumentation: Wer nachweisen kann, kurzfristig auf veränderte Abrufmengen reagieren zu können, verschafft sich einen Vorteil im Wettbewerb um neue Rahmenverträge. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade in der Metall- und Elektroindustrie – wo kritische Rohstoffe besonders häufig verarbeitet werden – zugleich ein spürbarer Fachkräftemangel herrscht, sodass Unternehmen Lieferketten- und Personalengpässe oft gleichzeitig bewältigen müssen.

Fazit

Deutsche Industrieunternehmen diversifizieren ihre Lieferketten spürbar – Umfragen belegen breitere Lieferantenbasen, mehr Lagerhaltung und wachsendes Bewusstsein für Abhängigkeiten. Die Handelszahlen für 2026 zeigen jedoch, dass die tatsächliche Importabhängigkeit von China trotz dieser Bemühungen bislang weiter gewachsen ist – besonders bei kritischen Rohstoffen, wo eine Verschärfung chinesischer Exportbeschränkungen laut IW Köln sechs von zehn betroffenen Unternehmen vor ernsthafte Probleme stellen würde. Strategie und Realität liegen damit derzeit noch spürbar auseinander.