Wirtschaft

Fachkräftemangel: Welche Branchen am stärksten betroffen sind

Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften betrifft längst nicht alle Branchen gleichermaßen.

Fachkräftemangel: Welche Branchen am stärksten betroffen sind

Besonders in Handwerk und technischen Berufen bleiben qualifizierte Fachkräfte gefragt – Ausbildung und Wissenstransfer gewinnen dadurch an Bedeutung.

157 von rund 1.200 untersuchten Berufen gelten laut Bundesagentur für Arbeit als Engpassberufe – in etwa jedem achten Beruf finden Betriebe also nur schwer geeignetes Personal. Das ist weniger als im Vorjahr, aber weit entfernt von einem Bild, in dem der Fachkräftemangel nach Branchen gleichmäßig über die gesamte Wirtschaft verteilt wäre.

Dieser Beitrag ordnet ein, welche Berufe tatsächlich betroffen sind, wie Engpässe überhaupt gemessen werden, warum offene Stellen allein keinen Mangel beweisen und wie sich die Lage regional und demografisch unterscheidet.

Das Wichtigste in Kürze

  • 157 von rund 1.200 Berufen zählten 2025 laut Bundesagentur für Arbeit zu den Engpassberufen, nach 163 im Vorjahr.
  • Am stärksten betroffen sind weiterhin Pflege- und Gesundheitsberufe sowie Bau- und Handwerksberufe.
  • Softwareentwicklung galt 2025 erstmals seit Jahren nicht mehr als Engpassberuf – ein Beleg dafür, dass sich die Lage je nach Beruf verändert.
  • Laut IW/KOFA blieben im März 2026 rund 357.000 offene Stellen rechnerisch unbesetzbar – bei gleichzeitig 1,3 Millionen arbeitslosen Fachkräften.
  • Das Erwerbspersonenpotenzial sinkt laut IAB-Prognose 2026 erstmals – um 40.000 auf 48,62 Millionen Personen.

Wie groß der Fachkräftemangel in Deutschland tatsächlich ist

Die Bundesagentur für Arbeit zählte für 2025 in ihrer Engpassanalyse 157 Engpassberufe – nach 163 im Jahr 2024 und 183 im Jahr 2023. Im Schnitt waren 2025 rund 402.000 sozialversicherungspflichtige Stellen für Fachkräfte gemeldet, davon entfiel etwa die Hälfte auf Engpassberufe. Gleichzeitig zeigt der Fachkräftereport des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW/KOFA) für März 2026: Rund 357.000 offene Stellen bundesweit waren rechnerisch nicht passend besetzbar – etwa jede dritte gemeldete offene Stelle. Diesen Engpässen standen zur gleichen Zeit rund 1,3 Millionen arbeitslose Fachkräfte gegenüber, bei knapp 1,1 Millionen offenen Stellen insgesamt. Das zeigt: Es geht seltener um einen absoluten Mangel an Arbeitskräften als um ein Passungsproblem zwischen Qualifikation, Beruf und Region.

In welchen Berufen die Engpässe besonders groß sind

Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit bewertet knapp 1.200 Berufsgattungen einzeln – die Ergebnisse fallen entsprechend uneinheitlich aus.

BerufsgruppeEngpasslage 2025/2026Hauptursachen
Pflege und Gesundheitanhaltend starkdemografischer Bedarf, hohe Belastung, starker Zuwachs ausländischer Beschäftigter
Bau, SHK und Elektroanhaltend bis verschärfendInvestitionen in Infrastruktur und Verteidigung, Nachwuchsmangel
Erziehung und Soziale Arbeituneinheitlich je nach Messmethodeje nach Region unterschiedlicher Bedarf, sinkende Geburtenzahlen in Teilen des Landes
IT und Informatikselektiv, nicht mehr breitSoftwareentwicklung entspannt, einzelne Spezialistenberufe weiterhin knapp

Pflege und Gesundheit

Pflege- und Gesundheitsberufe bleiben laut Bundesagentur für Arbeit die am stärksten betroffene Gruppe. Der Anteil ausländischer Beschäftigter in Engpassberufen hat sich seit 2014 von rund 7 auf etwa 14 Prozent verdoppelt; in der Pflege ging die Zahl deutscher Beschäftigter zuletzt sogar leicht zurück, während die Zahl ausländischer Beschäftigter deutlich zunahm. Ohne diesen Zuwachs wäre die Personallücke in vielen Einrichtungen nach eigenen Angaben der Bundesagentur noch deutlich größer.

Handwerk, Bau und Metallberufe

Klassische Engpässe bestehen weiterhin in Bau- und Ausbauberufen sowie in Elektro- und Sanitär-, Heizungs- und Klimaberufen. Nach Angaben des IW/KOFA-Fachkräftereports haben sich die Engpässe zuletzt zusätzlich in mehreren Metall- und Elektroberufen verschärft – etwa in der Schweiß- und Verbindungstechnik, der Metallbearbeitung, im Metallbau und im Maschinenbau –, was die Institute auch mit gestiegenen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung in Verbindung bringen.

Erziehung und soziale Berufe

Hier zeigt sich besonders deutlich, wie unterschiedlich Engpässe ausfallen können, je nachdem, welche Methode zugrunde liegt: Die Bundesagentur für Arbeit führte Sozialarbeit und Sozialpädagogik 2025 erstmals als Engpassberuf, während der IW/KOFA-Report für Kinderbetreuung und Erziehung zuletzt einen Rückgang der rechnerischen Lücke auf rund 12.200 unbesetzbare Stellen sowie für Sozialarbeit auf rund 10.900 verzeichnete. Beide Analysen nutzen unterschiedliche Indikatoren und Zeiträume – ein Grund, warum sich pauschale Aussagen zu einzelnen Berufsfeldern kaum treffen lassen.

IT und Digitalisierung

Anders als oft angenommen, zählte die Softwareentwicklung 2025 erstmals seit Jahren nicht mehr zu den Engpassberufen der Bundesagentur für Arbeit. Anzeichen für Engpässe zeigten sich dagegen weiterhin bei einzelnen Spezialistenberufen der Informatik, etwa in der technischen Informatik auf Spezialistenniveau. Wie stark Unternehmen im Mittelstand Digitalisierung und Automatisierung überhaupt einsetzen, um Personallücken abzufedern, ordnet der Beitrag zu Künstlicher Intelligenz im Mittelstand genauer ein.

Wie Engpässe gemessen werden – und warum offene Stellen allein nichts beweisen

Die Bundesagentur für Arbeit stuft einen Beruf erst dann als Engpassberuf ein, wenn er anhand sechs Indikatoren einen bestimmten Schwellenwert überschreitet: die mittlere Vakanzzeit, die Relation von Arbeitsuchenden zu gemeldeten Stellen, die berufsspezifische Arbeitslosenquote, die Veränderung des Anteils ausländischer Beschäftigter, die Abgangsrate aus Arbeitslosigkeit sowie die Entwicklung der mittleren Entgelte. Eine einzelne offene Stelle oder ein einzelner schwer zu besetzender Job ist damit noch kein Beleg für einen strukturellen Mangel – Fachkräftemangel bezeichnet ausdrücklich einen Engpass bei qualifizierten Fach- und Spezialkräften, nicht bei Arbeitskräften allgemein. Für Helfertätigkeiten ohne abgeschlossene Ausbildung sieht die Arbeitsmarktlage in den meisten Berufen anders aus als für ausgebildete Fachkräfte oder Spezialist:innen.

Welche Rolle Demografie und Ausbildung spielen

Nach der Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vom März 2026 sinkt das deutsche Erwerbspersonenpotenzial 2026 erstmals seit Jahren – um 40.000 auf 48,62 Millionen Personen. Parallel dazu bleibt die Ausbildungssituation ein zentraler Faktor: Ein erheblicher Teil der unbesetzbaren Stellen entfällt auf Berufe mit dualer Berufsausbildung, wie die duale Ausbildung insgesamt seit Jahren mit rückläufigen Bewerberzahlen in bestimmten Regionen und Berufen zu kämpfen hat. Demografischer Wandel und Ausbildungslücken verstärken sich damit gegenseitig: Weniger jüngere Erwerbspersonen bedeuten weniger potenzielle Auszubildende, was wiederum den Nachwuchs in ohnehin knappen Berufen zusätzlich verknappt.

Warum sich die Lage regional unterscheidet

Fachkräfteengpässe verteilen sich nicht gleichmäßig über Deutschland. Strukturschwächere und ländliche Regionen berichten in der Regel von größeren Besetzungsschwierigkeiten als wirtschaftsstarke Ballungsräume, unter anderem weil jüngere Menschen zum Studium oder Berufseinstieg häufiger in Städte ziehen und dort bleiben. In Teilen Ostdeutschlands kommt hinzu, dass die Bevölkerung im Schnitt älter ist und die Zuwanderung geringer ausfällt als in wirtschaftsstarken westdeutschen Regionen. Wie stark sich das im Einzelfall auswirkt, hängt jedoch auch von der jeweiligen regionalen Wirtschaftsstruktur ab – Pauschalaussagen für ganze Bundesländer greifen deshalb selten.

Wie Unternehmen auf Engpässe reagieren

Viele Betriebe reagieren auf schwer zu besetzende Stellen mit größerer Flexibilität bei Arbeitszeit und Arbeitsort, mit gezielter Weiterbildung eigener Beschäftigter oder mit verstärkter internationaler Rekrutierung. Wie deutsche Mittelständler dabei zwischen neuen Arbeitsmodellen und betrieblicher Realität navigieren, beschreibt der Beitrag Führung im Wandel: Wie deutsche Mittelständler auf New Work reagieren ausführlicher. Nicht jede dieser Maßnahmen wirkt gleich schnell oder gleich gut – gerade in akademisch geprägten Engpassberufen dauert der Aufbau neuer Fachkräfte über Ausbildung oder Studium naturgemäß Jahre.

Was der Fachkräftemangel für Bewerber und Beschäftigte bedeutet

Wer in einem tatsächlichen Engpassberuf qualifiziert ist, verhandelt in der Regel aus einer stärkeren Position: kürzere Vakanzzeiten bei Arbeitgebern bedeuten oft auch mehr Verhandlungsspielraum bei Gehalt, Arbeitszeit oder Zusatzleistungen. Für Berufe außerhalb der Engpassliste gilt das nicht automatisch – hier bestimmt weiterhin das gewöhnliche Verhältnis von Angebot und Nachfrage die Arbeitsmarktlage. Wer eine Ausbildung oder ein Studium plant, kann die jährliche Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit als eine von mehreren Orientierungshilfen nutzen, sollte die eigene Berufswahl aber nicht allein danach ausrichten.

Wie sich die Lage 2026 entwickelt

Von den bisher gemessenen Werten ist die Prognose des IAB für 2026 klar zu unterscheiden: Das Institut erwartet einen Rückgang der Erwerbstätigenzahl um 90.000 auf 45,89 Millionen sowie einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um 40.000 Personen. Nahezu der gesamte prognostizierte Beschäftigungszuwachs von 180.000 Stellen soll dabei auf öffentliche Dienstleistungen, Bildung und Gesundheit entfallen, während die Industrie nach dieser Prognose weitere 140.000 Stellen abbaut. Für einzelne Engpassberufe lässt sich daraus keine sichere Vorhersage ableiten – die jährliche Engpassanalyse für 2026 selbst liegt naturgemäß erst im kommenden Jahr vor.

Fazit

„Der Fachkräftemangel“ ist kein einheitliches nationales Phänomen, sondern eine Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Engpässe in 157 von rund 1.200 Berufen – mit Pflege, Bau und Handwerk als anhaltenden Schwerpunkten und einer Softwareentwicklung, die 2025 überraschend aus der Liste herausfiel. Wer die Lage realistisch einschätzen will, sollte deshalb nach Beruf, Region und Qualifikationsniveau unterscheiden, statt sich auf eine einzelne Schlagzeile zu verlassen.