29 Prozent der weltweiten Cloud-Ausgaben gelten laut dem aktuellen Flexera-Bericht als verschwendet – der erste Anstieg dieser Quote seit fünf Jahren. Für mittelständische Unternehmen, die ihre Cloud-Nutzung in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet haben, ist das eine unbequeme Zahl: Ein spürbarer Teil der monatlichen Rechnung bezahlt schlicht nichts, was tatsächlich gebraucht wird.
Dieser Beitrag ordnet ein, wie Mittelständler ihre Cloud-Kosten im Griff behalten, warum die Rechnung häufig trotzdem aus dem Ruder läuft – und worauf bei der Anbieterwahl zusätzlich zu achten ist.
Das Wichtigste in Kürze
- 86 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen laut Bitkom inzwischen Cloud-Dienste, die meisten davon hybrid oder über mehrere Anbieter.
- Weltweit gelten laut Flexera rund 29 Prozent der Cloud-Ausgaben als verschwendet – vor allem durch ungenutzte, aber weiterlaufende Ressourcen.
- Klare Kostenverantwortung im Unternehmen macht laut Praxisberichten einen spürbaren Unterschied.
- 85 Prozent der Unternehmen halten die deutsche Wirtschaft laut Bitkom für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern – ein Faktor, der auch Kostenentscheidungen beeinflusst.
- Sicherheits- und Compliance-Anforderungen sollten bei der Kostenoptimierung nicht aus dem Blick geraten.
Wie verbreitet Cloud-Nutzung im deutschen Mittelstand ist
Cloud-Computing ist im deutschen Mittelstand längst Normalität: Laut dem Cloud Report 2026 des Digitalverbands Bitkom nutzen 86 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten Cloud-Dienste, weitere 14 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Private-Cloud-Lösungen liegen mit 64 Prozent leicht vor Public-Cloud-Angeboten mit 53 Prozent; 34 Prozent setzen auf eine Kombination aus beidem (Hybrid Cloud), 38 Prozent beziehen Cloud-Dienste von mehreren Anbietern gleichzeitig (Multi-Cloud).
Getrieben wird das Wachstum zunehmend durch KI-Anwendungen: Aktuell beziehen 42 Prozent der Unternehmen KI-Dienste aus der Cloud, in fünf Jahren sollen es laut Bitkom bereits 69 Prozent sein. Mehr dazu, wie deutsche Mittelständler mit künstlicher Intelligenz umgehen, lesen Sie in unserem Beitrag Künstliche Intelligenz im Mittelstand: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Warum die Cloud-Rechnung oft höher ausfällt als geplant
Ungenutzte Ressourcen als größter Kostentreiber
Ein wiederkehrendes Muster in vielen IT-Abteilungen: Testumgebungen oder Serverinstanzen werden für ein Projekt aufgesetzt und nach dessen Abschluss schlicht nicht wieder abgeschaltet. Da Cloud-Anbieter in der Regel nach tatsächlicher Nutzungsdauer abrechnen, läuft die Kostenuhr weiter, auch wenn niemand mehr auf die Ressource zugreift.
Der aktuelle Flexera-Bericht beziffert die weltweit durchschnittlich verschwendeten Cloud-Ausgaben auf 29 Prozent – nach fünf Jahren rückläufiger Werte der erste Anstieg, den die Autoren unter anderem auf die zusätzliche Kostenkomplexität durch KI-Workloads zurückführen. 85 Prozent der befragten Unternehmen nennen das Management ihrer Cloud-Ausgaben inzwischen als eine ihrer größten Herausforderungen. Diese Zahlen stammen aus einer internationalen Befragung von mehr als 750 Cloud-Verantwortlichen und lassen sich nicht eins zu eins auf einzelne deutsche Mittelständler übertragen – sie zeigen aber die Größenordnung des Problems.
Fehlende Kostenverantwortung im Unternehmen
Neben technischen Ursachen spielt Organisation eine große Rolle. Wo Cloud-Budgets über mehrere Teams verteilt sind, ohne dass jemand die Gesamtkosten im Blick behält, fallen Fehlkonfigurationen oder ungenutzte Ressourcen oft erst bei der nächsten Rechnung auf – wenn überhaupt. Unternehmen mit klar benannten Verantwortlichkeiten für Cloud-Ausgaben können frühzeitiger gegensteuern, bevor sich einzelne Fehlkonfigurationen zu einem größeren Kostenproblem summieren.
Hinzu kommt, dass Cloud-Abrechnungen selbst für erfahrene IT-Teams unübersichtlich sein können: Anders als bei klassischer Hardware mit festem Anschaffungspreis entstehen Cloud-Kosten aus einer Vielzahl einzelner, oft kleinteilig abgerechneter Posten – Rechenzeit, Speicherplatz, Datenübertragung, einzelne API-Aufrufe. Ohne ein Mindestmaß an Struktur lässt sich kaum nachvollziehen, welche Abteilung oder welches Projekt für welchen Teil der Rechnung verantwortlich ist.
Was konkret gegen unnötige Cloud-Kosten hilft
Aus der sogenannten FinOps-Praxis – der Verbindung von Finanzcontrolling und Cloud-Betrieb – haben sich einige wiederkehrende Maßnahmen etabliert, die sich auch ohne große zusätzliche Werkzeuge umsetzen lassen:
| Maßnahme | Wirkung | Typischer Aufwand |
|---|---|---|
| Rightsizing (Ressourcengröße anpassen) | Vermeidet Zahlung für ungenutzte Kapazität | Gering bis mittel |
| Automatisches Abschalten ungenutzter Instanzen | Verhindert Kosten für vergessene Testumgebungen | Gering |
| Reservierte Kapazitäten / Commitment-Rabatte | Senkt Stückpreise bei planbarer Grundlast | Mittel, erfordert Bedarfsplanung |
| Zentrales Kosten-Dashboard mit Verantwortlichkeiten | Macht Kosten pro Team oder Projekt sichtbar | Mittel |
| Autoscaling nach tatsächlicher Auslastung | Passt Kapazität automatisch an den Bedarf an | Mittel bis hoch |
Wichtig dabei: Die einfachsten Maßnahmen bringen oft den größten ersten Effekt. Bereits eine regelmäßige, etwa monatliche Durchsicht aller aktiven Cloud-Ressourcen deckt in der Praxis häufig einen erheblichen Teil ungenutzter Instanzen auf – ohne dass dafür spezialisierte FinOps-Software notwendig wäre. Aufwendigere Maßnahmen wie Reservierungen oder Autoscaling lohnen sich meist erst, wenn die Grundlast einigermaßen verlässlich eingeschätzt werden kann.
Deutsche Cloud-Anbieter als Faktor bei der Kostenentscheidung
Bei der Anbieterwahl spielt in Deutschland zunehmend auch die Frage der digitalen Souveränität eine Rolle. Laut Bitkom halten 85 Prozent der Unternehmen die deutsche Wirtschaft für zu abhängig von US-amerikanischen Cloud-Anbietern – ein deutlicher Anstieg gegenüber 78 Prozent im Vorjahr. Bemerkenswert: 37 Prozent der Unternehmen wären bereit, einen Cloud-Dienst zu nutzen, der Daten ausschließlich in Deutschland verarbeitet, selbst wenn das mit Nachteilen wie weniger Funktionen oder höheren Kosten verbunden wäre.
Für die Kostenplanung bedeutet das: Wer aus Compliance- oder Souveränitätsgründen bewusst auf einen deutschen oder europäischen Anbieter statt auf einen der großen internationalen Hyperscaler setzt, sollte einen möglichen Aufpreis von vornherein in die Budgetplanung einkalkulieren, statt ihn später als unerwartete Mehrkosten zu verbuchen. Umgekehrt gilt: Wer sich bewusst für einen internationalen Anbieter entscheidet, etwa wegen eines breiteren Funktionsumfangs oder niedrigerer Einstiegspreise, sollte diese Entscheidung ebenso bewusst treffen – und nicht allein deshalb, weil es der naheliegendste oder bekannteste Anbieter ist.
Gut zu wissen
Ein häufiger Irrtum: Die günstigste Cloud-Option ist nicht automatisch die wirtschaftlichste. Wechsel- oder Migrationskosten, Schulungsaufwand und mögliche Compliance-Anforderungen sollten in einen realistischen Kostenvergleich einfließen.
Sicherheit und Compliance nicht vernachlässigen
Kostenoptimierung sollte nicht auf Kosten der Sicherheit gehen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stellt mit dem Kriterienkatalog C5 einen Prüfstandard mit rund 125 Einzelkriterien aus 17 Themenbereichen bereit, anhand dessen sich die Informationssicherheit eines Cloud-Dienstes durch unabhängige Wirtschaftsprüfer bestätigen lässt. Ein C5-Testat des jeweiligen Anbieters – idealerweise jährlich aktualisiert – ist ein nachvollziehbarer erster Anhaltspunkt bei der Anbieterauswahl, unabhängig von der reinen Kostenfrage.
Gerade beim Abschalten oder Konsolidieren von Ressourcen im Zuge der Kostenoptimierung lohnt sich zudem ein kurzer Blick auf Zugriffsrechte und Datenablage: Wird eine Testumgebung stillgelegt, sollten auch die darin enthaltenen Daten und Zugänge bereinigt werden – ungenutzte, aber weiterhin zugängliche Ressourcen sind nicht nur ein Kosten-, sondern auch ein Sicherheitsrisiko.
Wie Mittelständler pragmatisch starten können
Statt einer umfassenden Kostenoptimierung auf einmal empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen: zunächst eine einmalige Bestandsaufnahme aller laufenden Cloud-Ressourcen, dann die Abschaltung eindeutig ungenutzter Instanzen, anschließend die Einführung einer einfachen Kostenübersicht mit klaren Verantwortlichkeiten. Erst danach lohnen sich aufwendigere Maßnahmen wie Autoscaling oder langfristige Commitment-Verträge, deren Nutzen sich ohne verlässliche Ausgangsdaten kaum realistisch einschätzen lässt.
Sinnvoll ist zudem, diese Bestandsaufnahme nicht als einmaliges Projekt, sondern als wiederkehrenden Termin zu etablieren – etwa quartalsweise. Cloud-Umgebungen verändern sich fortlaufend: Neue Projekte kommen hinzu, alte laufen aus, Teams wechseln. Ohne regelmäßige Kontrolle wächst die Zahl ungenutzter, aber weiterlaufender Ressourcen erfahrungsgemäß wieder an, selbst nach einer erfolgreichen ersten Aufräumaktion.
Fazit
Cloud-Kosten laufen im Mittelstand seltener aus dem Ruder, weil die Technologie zu teuer wäre, sondern weil ungenutzte Ressourcen unentdeckt weiterlaufen und niemand klar für die Gesamtkosten verantwortlich ist. Wer regelmäßig aufräumt, Verantwortlichkeiten benennt und die eigene Anbieterwahl bewusst trifft, kann einen spürbaren Teil der oft zitierten Verschwendung vermeiden – ganz ohne große Cloud-Strategie-Projekte.